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Koordinierungsstelle gegen Rechts | Stellungnahmen


Stellungnahme zum Boykottaufruf der Fangemeinschaft Nordost vom 30.10.09 anlässlich der Aufführung des Films "Paradise Now" von Hany Abu-Assad im Rahmen der Internationalen politischen Filmreihe im Café Multi-Kulti




Liebe Fangemeinschaft Nordost


Wir bedauern es sehr, dass trotz Ihrer herben Kritik an der Aufführung des Films "Paradise Now" im InterKULTURellen Haus Pankow am 30.10.09 zur anschließenden Diskussion kein Mitglied Ihrer Fangemeinschaft erschienen ist.

Deshalb hier ein kurzer Nachtrag zu ihrem Boykottaufruf "Paradies Now? No, thanks!"

Der Film Paradise Now ermöglicht unserer Ansicht nach verschiedene, sich widersprechende Lesarten. Die Frage, welche persönlichen und strukturellen Motive Menschen dazu bringen, Selbstmordattentate zu verüben oder nicht zu verüben, finden wir legitim und notwendig. Der Filmemacher Hany Abu-Assad gibt aus der Innensicht seiner Protagonisten und ihrer Wege hinein oder heraus aus dem Verbrechen mögliche Antworten auf diese Frage. Ihre Ansicht, die "Symbolik des Films" führe notwendig auf den Weg des Selbstmordattentats, teilen wir nicht. Die verschiedenen Wege der Protagonisten zeigen klar formulierte und überzeugend dargelegte Alternativen auf.

Die palästinensische Perspektive auf den Nahostkonflikt in den Fokus zu stellen finden wir dabei so wichtig wie selten. Die Form, die Abu-Assad hierfür wählt, ist an manchen Stellen des Films fragwürdig. Darüber und über noch viel mehr hätten wir gerne mit Ihnen diskutiert. Denn – und dies möchten wir nochmals betonen: Sinn und Zweck unserer politischen Filmreihe liegen darin, kontroverse Themen zu thematisieren, um sie dem Publikum in einer anschließenden Gesprächsrunde zur Diskussion anzubieten. Deshalb hatten wir Sie herzlich eingeladen, mit uns gemeinsam sich dem Thema sachlich-differenziert zu nähern. Dieser Einladung sind Sie leider nicht nachgekommen.

Zu Ihrem Vorwurf, die Koordinierungsstelle gegen Rechts im InterKULTURellen Haus Pankow sei "... Helfershelfer der antisemitischen Internationale...":

Wir wehren uns entschieden dagegen, von Ihnen als Antisemiten beschimpft zu werden. Seit mehreren Jahren engagieren wir uns mit vielen Aktionen, Veranstaltungen und Diskussionsrunden gegen Rechtsextremismus, Rassismus und ANTISEMITISMUS. Wir verfolgen zwar in der Bekämpfung von menschen- und demokratiefeindlichen Bestrebungen ein gemeinsames Ziel, haben aber scheinbar verschiedene Ansätze. Deswegen unsere Arbeit zu diskreditieren, ist nicht nur inakzeptabel, sondern selbstgerecht und einseitig geurteilt. Deshalb fordern wir Sie auf dies in Zukunft zu unterlassen.


Mit freundlichen Grüßen

Özgür Kiran

Koordinierungsstelle gegen Rechtsextremismus,
Rassismus und Antisemitismus


OASE Pankow e.V.
c/o InterKULTURelles Haus Pankow
Schönfließer Straße 7
10439 Berlin

Tel: +49 30 300 24 40 53
Fax: +49 30 300 24 40 89
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Internet: www.oase-berlin.org




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Boykottaufruf der Fangemeinschaft Nordost vom 30.10.09

Paradies now? No, thanks!


Über Geschmack, über Grenzen des guten Geschmacks, ja selbst über Geschmacklosigkeiten kann man normalerweise jederzeit und tagelang streiten, über den Versuch Selbstmordanschläge gegen Zivilisten als heldenhafte Aktion des Widerstandes anzupreisen kann es keine Diskussion geben. Die Koordinierungsstelle Rechts in Pankow sieht das etwas anders. Innerhalb der von ihr organisierten Internationalen Filmreihe wollen die angeblichen Antirassisten am morgigen Freitag, den 30. Oktober 2009, den Film “Paradies Now” dem geneigten Publikum im Cafe Multi-Kulti vorführen. Dieser Film, in dem die fiktive Geschichte zweier Selbstmordattentäter in Palästina erzählt wird, kann getrost als antizionistisches Machwerk bezeichnet werden, und hat deshalb im Cafe Multi-Kulti nichts zu suchen.

Antisemitische Apostel

Der Film Paradies Now versucht die moralische Rechtfertigung für ein Selbstmordattentat zu liefern. Der Zuschauer begleitet Said, die Hauptfigur, auf dem Weg in den von einer islamischen Terrororganisation bestimmten Märtyrertod. Die unterschiedlichen Charaktere sollen zwar auf eine Alternative zum Märtyrertod verweisen, jedoch spricht die Symbolik des Films gegen eine solche. Alles führt notwendig auf den Weg zum Selbstmordakt.
So wird im Film „Das Abendmahl“ von da Vinci nachgestellt, an Stelle der Apostel sitzen jedoch die Mitglieder der Terrorgruppe. An Stelle des Jesus sitzt Said. Die Sequenz folgt den Vorbereitungen des Attentats. In der Symbolik des Films nimmt Said die Rolle des Jesus ein, für den westlichen Zuschauer wird er zum göttlichen Erlöser weltlicher Ungerechtigkeit stilisiert. Er ist es, der auf der Suche nach den richtigen Mitteln im Kampf gegen den Aggressor am Ende den roten Knopf drückt, während sein schwächelnder Kompagnon sich dann doch lieber fürs Leben und gegen den Tod entscheidet
Im Film scheint es so, als gebe es für Said keine andere Wahl, als wäre der einzig richtige Weg der Tod der Zivilisten, der Tod der Juden. Dies wird in der Schlussszene deutlich: Said sitzt in einem vollbesetzten Bus. Die Kamera fährt in langsamer Fahrt auf Said zu. In der letzten Einstellung verweilt sie einige Sekunden in Großaufnahme auf Saids Augen. Der Film schließt mit einem gleißenden Licht, der Zuschauer erfährt nichts über die Konsequenzen der Tat.
„Frauen ohne Unterleib, Männer ohne Kopf, Kinder ohne Arme und Beine, Blut und Eingeweide in den Sitzreihen, verbrannte Fleischbrocken überall. Nichts davon.“ Quelle.
Die Israelis werden den ganzen Film hinweg als eine “schweigende Wand” dargestellt. Der einzige Israeli, der zu Wort kommt ist der Gehilfe der Attentäter. Und der hat sich, nach antisemitischem Muster, für Geld an sie verkauft. Einzig und Allein der starre Blick des Täters bleibt dem Zuschauer im Gedächtnis.
Erschreckend festzustellen ist für uns, dass fortschrittliche Antirassisten mit der Filmvorführung sich bereitwillig zum Helfershelfer der antisemitischen Internationale machen. Wir verwehren uns gegen die kritiklose und unkommentierte Vorführung dieses Films im Cafe Multi-Kulti. Die völlig einseitige Darstellung des Nah-Ost-Konflikts und die klar antizionistischen und antisemitischen Ressentiments werden wir nicht tolerieren.


Fangemeinschaft Nordost, Oktober 2009

read more:

Keine Symphatie mit den Attentätern - Interview mit Esther Schapira
Plume du paon - Notizen zu Paradies Now von Matthias Küntzel
Schluss mit dem Theater! Paradies No! - Kritikmaximierung Hamburg





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Antwortschreiben auf die E-Mail des stellvertretenden Vorsitzenden des Roter Stern Nordost Berlin e.V. vom 12.03.2010 anlässlich der Debatte über die Aufführung des Films "Paradise Now" im Rahmen der Internationalen politischen Filmreihe der OASE Pankow e.V.



Lieber stellvertretender Vorsitzender des Roter Stern Nordost
Berlin e.V.,

hier ein paar Anmerkungen zur Richtigstellung und Differenzierung Ihrer Behauptungen:
Nach wie vor sind wir der Meinung, dass die Auseinandersetzung mit den Hintergründen von Selbstmordattentaten notwendig und wichtig ist. Der Film „Paradise Now“ bietet für diese Thematik eine Diskussionsgrundlage. Diese haben wir für die an die Filmaufführung anschließende Diskussion genutzt. Daraus zu schließen, wir würden Selbstmordattentate entschuldigen und legitimieren wollen, grenzt an Verleumdung.

Sie wollen den Film nur in Fachkreisen vorgeführt wissen. Wir finden es hingegen wichtig, den Film auch außerhalb eines Fachpublikums mit politisch Interessierten zu diskutieren. Sie waren, nach eigenen Angaben, für die Landeszentrale für politische Bildung tätig. Dann werden Sie wissen, dass die bpb den Film für Schulklassen empfiehl und ein Begleitheft dazu herausbrachte.

Zudem hat der Film den Friedenspreis von amnesty international, den „Blauen Engel“ für den besten europäischen Film und den Publikumspreis der Berlinale 2005 erhalten.

Sie stellen den mehrfach preisgekrönten Film „Paradise Now“ mit Hitlers „Mein Kampf“ auf eine Stufe. Für jemanden, der gegen alle Formen des Antisemitismus eintreten möchte, ist das ein mehr als fragwürdiger Vergleich. Dieser Vergleich ist unserer Ansicht nach nicht nur gefährlich, sondern eine verantwortungslose Verharmlosung der NS-Ideologie und ihrer fatalen Folgen für Millionen von Menschen.

Zu Ihrer persönlichen Einschätzung, eine Vertreterin der OASE bzw. Koordinierungsstelle hätte in einer Jury, welche einen Preis zur Ehrung von Zivilcourage vornimmt, nichts zu suchen: Frau Kindzorra engagiert sich im Gegensatz zur Fangemeinschaft Nordost seit Anbeginn in dieser Initiative. Der Preis für Zivilcourage wurde von der Koordinierungsstelle, ausgehend von einem rassistischen Vorfall, mitinitiiert.

Um das Meinungsmonopol der Fangemeinschaft Nordost aufzubrechen, schlagen wir vor, alle Mitglieder der WOP-Initiative in den Entscheidungsprozess einzubeziehen. Der Film ist in vielen Videotheken erhältlich. Es kann sich also jeder ein eigenes Urteil darüber bilden. Unsere Stellungnahme zu dem Boykottaufruf, die über mehrere Verteiler ging, haben wir aus gegebenen Anlass erneut unter www.oase-berlin.org/Koordinierungsstelle gegen Rechts/Stellungnahmen online gestellt, damit diejenigen, die sie noch nicht kennen, nachlesen können.

Für den Fall, dass die WOP-Initiative in einer demokratischen Abstimmung mehrheitlich zu der Entscheidung kommt, die OASE bzw. Frau Kindzorra hat wegen der Filmaufführung in der Jury für den Ehrenpreis für Zivilcourage nichts zu suchen, werden wir diese Entscheidung akzeptieren.

PS:
Das von Ihnen verwendete Zitat von Regisseur Abu-Assad ist aus dem Zusammenhang gerissen und unvollständig wiedergegeben. Vor dem von Ihnen zitierten Satz sagt er: „Ich bin gegen die Tötung von Menschen, und ich will das stoppen“.

Die Ankündigung zum Film mussten wir kurz vor der Aufführung auf Anweisung des Verbands der Filmverleiher von unserer Internetseite nehmen. Wie Sie sich erinnern, hatte ich Ihnen per E-Mail mitgeteilt, dass wir für nicht-gewerbliche Filmaufführungen nicht mehr öffentlich werben dürfen.

Mit besten Grüßen
Özgür Kiran



Koordinierungsstelle gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus
OASE Pankow e.V.
InterKULTURelles Haus Pankow
Schönfließer Str. 7
10437 Berlin

Tel: 030 300 24 40 53, Fax: 030 300 24 40 89
Internet: oase-berlin.org, ikhp.de, E-Mail: gegenrechts@oase-berlin.org




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Werte Oase Pankow,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebes WOP-Bündnis,


nach meinem persönlichen Statement gestern und den „Argumenten“ dagegen möchte ich hier nochmals etwas loswerden:

1. Die Behauptung von Editha Kindzorra (Oase Pankow), auf der Internetseite der Oase Pankow sei eine Pressemitteilung zu dem Thema war schlichtweg falsch. Nach heutigen Recherchen war dort nichts dergleichen zu finden. Nach einem Telefonat mit Frau Kiran (Oase Pankow) wurde eine damalige Stellungnahme zu der Thematik HEUTE wieder online geschalten, da das Thema ihrer Aussage zufolge nicht mehr „aktuell“ war. Die Ankündigung zu dem Film verschwand damals 4 Tage vor der Veranstaltung von der Internetseite der Oase… Die Stellungnahme blieb laut Aussage von Frau Kiran noch 2-3 Wochen auf der Seite.

2. Ich möchte mit der Kritik nicht die Oase als solche oder deren Arbeit verurteilen. Wohl aber das der Film ausgestrahlt wurde. Das ist im Nachhinein leider nicht mehr zu ändern. Änderbar ist jedoch noch die Verteidigung des Filmes und wiederholte Ausstrahlungen. Da ich bis vor knapp 2 Jahren in der Lehrerfortbildung für die Landeszentrale f. pol. Bildung tätig war kenne ich mich mit dem Thema und dem pädagogischen Einsatz bzw. Nichteinsatz recht gut aus.

3. Die Stellungnahme kenne ich bereits. Sie ist Ausdruck einer naiven und verharmlosenden Wahrnehmung von politischen Konflikten, der unzureichenden Parteinahme innerhalb und Auseinandersetzung mit der Thematik. Gerade wenn man vorgibt politisch gegen jede Form des Antisemitismus einzutreten kann es nicht sein, dass solche Filme diskussionswürdigen Charakter haben sollen. Meiner Meinung nach gilt für „Paradise Now“ dasselbe wie für Hitlers „Mein Kampf“: Es ist nicht diskussionswürdig, sondern gehört in jedem einzelnen Punkt klar widerlegt. Immer und Überall. Ich hoffe Sie würden auch keine Lesung zu „Mein Kampf“ organisieren mit anschließender Diskussionsrunde, um „kontroverse Themen zu thematisieren“ …

Ganz konkret kurz zu Ihrer Stellungnahme:

„Die Frage, welche persönlichen und strukturellen Motive Menschen dazu bringen, Selbstmordattentate zu verüben oder nicht zu verüben, finden wir legitim und notwendig.“
Das sehe ich ganz und gar nicht so. Selbstmordattentate gehören nicht verharmlost, verstanden, verniedlicht oder sonst was. Es sollte klar und deutlich überall Stellung gegen diese Form und Praxis der politischen Auseinandersetzung gezogen werden. Die Beweggründe für solch menschenverachtendes Verhalten können zwar untersucht werden um zu verstehen und Präventionsmaßnahmen einzuleiten, aber niemals um zu entschuldigen.

„Sinn und Zweck unserer politischen Filmreihe liegen darin, kontroverse Themen zu thematisieren, um sie dem Publikum in einer anschließenden Gesprächsrunde zur Diskussion anzubieten“.
Wie geschrieben: Sicherlich gibt es diskussionswürdige Beiträge. Paradise Now ist dies ebenso wenig wie „Mein Kampf“ oder Filme von Leni Riefenstahl. Diese Endprodukte sind politisch klar gezeichnet. Daher gehören Sie gern vor ein Fachpublikum welches sich tagtäglich mit dem Thema auseinandersetzt aber keineswegs in öffentliche Veranstaltungen.

Und wo gehen Sie auf Argumente der Stellungnahme unserer Fangemeinschaft ein? Kein Gegenargument zu:
„Der Zuschauer erfährt nichts über die Konsequenzen der Tat. Frauen ohne Unterleib, Männer ohne Kopf, Kinder ohne Arme und Beine, Blut und Eingeweide in den Sitzreihen, verbrannte Fleischbrocken überall. Nichts davon.“

„Der einzige Israeli, der zu Wort kommt ist der Gehilfe der Attentäter. Und der hat sich, nach antisemitischem Muster, für Geld an sie verkauft.“
„So wird im Film „Das Abendmahl“ von da Vinci nachgestellt, an Stelle der Apostel sitzen jedoch die Mitglieder der Terrorgruppe.“



Ein weiteres unter dem Artikel nicht erwähntes gutes Flugblatt zu dem Thema:
http://www.nadir.org/nadir/initiativ/aanb/achtermai/paradise_flugblatt.pdf
Da kann man auch mal nach lesen was der Regisseur so über Selbstmordattentate denkt… „Aber ich verurteile die Selbstmordattentäter nicht. Für mich ist das eine sehr menschliche Reaktion auf eine extreme Situation“. Das ist die klare Legitimierung von Selbstmordattentaten auf Busse, Bars, Cafes und andere Orte des täglichen Lebens bei denen es ausschließlich darum geht so viele Juden und Israelis zu töten wie nur irgend möglich. Die Stoßrichtung des Films ist damit eben so klar wie auch menschenfeindlich. Daher bleibe ich bei meiner persönlichen Einschätzung, dass Personen, die es verteidigen den Film „Paradise Now“ öffentlich auszustrahlen nichts, aber auch gar nichts, in einer Jury zu suchen haben, welche einen Preis zur Ehrung von Zivilcourage vornimmt.

Diese E-Mail, sowie meine Einschätzung geht heute an unseren Vorstand, sodass ich gucke ob damit die Meinung des Roten Stern Nordost Berlins insgesamt vertreten ist.

Mit freundlichen Grüßen

Stellvertretender Vorsitzender des Roter Stern Nordost Berlin e.V.


Roter Stern Berlin Nordost e.V.
PF: 65 2127 | 13316 Berlin
roter-stern-berlin.de


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Antwortschreiben auf die E-Mail des stellvertretenden Vorsitzenden des Roter Stern Nordost Berlin e.V. vom 13.04.2010 anlässlich der Debatte über die Aufführung des Films "Paradise Now" im Rahmen der Internationalen politischen Filmreihe der OASE Pankow e.V.


Sehr geehrter Herr stellvertretender Vorsitzende des Roter Stern Nordost Berlin e.V. ,

Ihre E-Mail enthält bereits bekannte Argumente, auf die wir in zwei Stellungnahmen ausreichend eingegangen sind. Da wir scheinbar keine gemeinsame Diskussionsgrundlage haben, um eine allgemein hilfreiche Debatte zu führen, werden wir in Zukunft zu Ihren E-Mails keine Stellung mehr beziehen.

Unserer Ansicht nach ist eine konstruktive Diskussion an Ihrer einseitigen Argumentationsweise sowie Ihrer polemischen, stellenweise beleidigenden Wortwahl gescheitert. Das ist definitiv nicht der Rahmen, in der eine sinnvolle, von Respekt geprägte Auseinandersetzung über komplexe Sachverhalte möglich scheint.

Der Film „Paradise Now“ ist allgemein zugängig. Wir haben ausreichend Argumente in der Öffentlichkeit ausgetauscht, so dass Dritte sich ein eigenes Bild vom Film und unseren Standpunkten machen können.

Eine Bemerkung noch bezüglich Ihrer Darstellung der Gefahren durch den Neonazismus in Deutschland: Wir sind der Ansicht, dass diese Bedrohung, entgegen Ihrer Behauptung, unverändert vorhanden ist. Es besteht gerade aktuell die Gefahr, die vorhandene Gewaltbereitschaft gegen
Andersdenkende, -lebende und -aussehende zu unterschätzen, da ggf. weniger tätliche Übergriffe an die Öffentlichkeit gelangen. Auch haben sich Erscheinungsbild und Methodik neonazistischer Gruppierungen geändert, nicht aber deren Bedrohungspotenzial.

Doch das ist Ihre Einschätzung, wir teilen diese nicht (und Sie müssen unsere nicht teilen). Demgegenüber verwahren wir uns gegen die Diffamierung unserer Organisation und unseres Projekts mit Ihrer Aussage, wir würden „Selbstmordattentate verharmlosen“ (Zitat der Überschrift: „Keine Ehrung für Zivilcourage von Personen, die Selbstmordattentate verharmlosen!“).

Vorsorglich weisen wir Sie darauf hin, dass Ihre Unterstellung den Straftatbestand der üblen Nachrede des § 186 StGB beinhaltet.

Wir bitten, von weiteren Kontakten abzusehen.

Mit freundlichen Grüßen
Özgür Kiran


Koordinierungsstelle gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus
OASE Pankow e.V.
InterKULTURelles Haus Pankow
Schönfließer Str. 7
10437 Berlin

Tel: 030 300 24 40 53, Fax: 030 300 24 40 89
Internet: oase-berlin.org, ikhp.de, E-Mail: gegenrechts@oase-berlin.org

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Keine Ehrung für Zivilcourage von Personen die Selbstmordattentate verharmlosen!

"Man muss Partei ergreifen. Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer. Stillschweigen bestärkt den Peiniger, niemals den Gepeinigten." - Elie Wiesel

Werte Frau Kiran,

ich bin sehr enttäuscht über Ihr Schreiben, denn sie beziehen zu den wichtigen Punkten gar keine Stellung. Zudem schreibe ich Ihnen hier nicht als Vertreter der Fangemeinschaft Nordost, sondern als Gründungs- und Vorstandsmitglied des Roten Stern Nordost Berlins. Das sind 2 unterschiedliche paar Schuhe, darauf lege ich sehr viel wert!

Doch eins nach dem Anderen:
"Sie stellen [...] Paradise Now mit Hitlers Mein Kampf auf eine Stufe. [...] verantwortungslose Verharmlosung der NS-Ideologie und ihrer fatalen Folgen für Millionen von Menschen."

Sicherlich ist "Mein Kampf" eine ideologische Grundlage der Deutschen im Nationalsozialismus, dieden eliminatorischen Antisemitismus begründete und zur Konsequenz Auschwitz führte. Ich verweise darum auf dieses Buch, weil es den Judenmord eben schon theoretisch explizierte, lange bevor dieser sich konkret zeitigen konnte. Wenn ich Paradise Now nun mit Mein Kampf vergleiche, dann ist dieser Vergleich natürlich höchst problematisch und provozierend. Das ist mir vollkommen bewusst. Doch will ich damit auf eine ganz essentielle Parallele aufmerksam machen: Ich halte Paradise Now für ein Stück Kultur, dass gänzlich darauf abzielt Selbstmordattentate gegen Israelis zu legitimieren und dies macht der Film durch eine besonders perfide moralisierende Form. Doch dazu später mehr.

Nun, noch kurz zum politischen Kontext:
Ich halte Neonazis heute für keine entscheidende Bedrohung mehr. Sie können sicher sein, dass ich und alle Vereinsmitglieder des Roten Sterns Nordost Berlin stets an erster Stelle stehen, wenn es um deren Bekämpfung geht. Der Einfluss, den Neonazis heute jedoch haben, ist – glücklicherweise - sehr begrenzt. Die Zeit der großen Pogrome ist vorüber. Die antisemitische Bedrohung ist heute eine andere. Sie geht erstens vom Iran aus, der Israel und damit die Hälfte der heute in der Welt lebenden Juden mit seinem nuklearen Säbelrasseln bedroht. Zweitens sind es die islamistischen Organisationen wie Hamas und Hisbollah, deren Intentionen nicht sind, mit Israel Frieden zu schließen, sondern Israel samt seiner Bewohner ins Meer treiben zu wollen. 1Die beliebteste Waffe dieser Organisationen war in den letzten Jahrzehnten nun einmal das Selbstmordattentat auf Zivilisten. Der diskutierte Film sucht eine Legitimation des Selbstmordattentats zu erreichen.

"Das von Ihnen verwendete Zitat von Regisseur Abu-Assad ist aus dem Zusammenhang gerissen und unvollständig wiedergegeben. Vor dem von Ihnen zitierten Satz sagt er: Ich bin gegen die Tötung von Menschen, und ich will das stoppen." Das ist von der Systematik her das Selbe wie "ich habe nichts gegen Ausländer, aber..." - "Ich bin gegen die Tötung von Menschen [..], aber in dieser Situation ist das ok" Genau das sagt er. In der Essenz sagt er damit, dass er es ok findet das sich Antisemiten in Israel in die Luft sprengen. So wie Rassisten in der Essenz sagen, dass sie doch Migranten hassen und jeden Nicht-Bluts-Deutschen am liebsten sofort des Landes verweisen würden. Man könnte auch mal darüber
diskutieren, ob Abu-Assad mit dem Film nicht etwas nachholt, was er in den 80er schon einmal mit voller Inbrunst tun wollte: Gegen Israel kämpfen. Denn seine Biographie enthält auch die Anekdote, dass er unbedingt Mitglied eines Kampfverbundes der Fatah werden wollte, wegen
seiner Schmächtigkeit jedoch abgelehnt wurde.

Zum Film:
Nach meiner Interpretation verdichten sich in diesem Film Narrativ und Ästhetik zur moralischen Lehrstunde für Kinogänger mit europäischer Sehgewohnheit. Dabei geht es um ein politisch hochbrisantes Thema: Rechtfertigung des Selbstmordattentates. Die Handlung wird von drei Figuren (Said, Khaled, Suha) getragen, die jeweils für verschiedene Möglichkeiten stehen, auf den zu Grunde liegenden politischen Konflikt zu reagieren. Hierzu wird ihre aktuelle Lebenssituation skizziert und der Zusammenhang zur Familiengeschichte hergestellt, die für kommende Handlungen – kulturell bedingt – als sehr ausschlaggebend gezeigt wird. Die Wahl der Instrumente, die sie für ihre politischen Überzeugungen einzusetzen bereit sind, hängt von genannten Faktoren ab. 2 Der Narrativ lässt – trotz der handlungsbestimmenden drei Charaktere – keinen Zweifel, dass der eigentliche Fokus auf nur einer Figur liegt: Auf Said ist der Film zugeschnitten, ihn begleitet der Zuschauer auf dem Weg bis in den Märtyrertod. Die beiden anderen Figuren dienen – wie auch andere Mittel des Films – der moralischen Absicherung der Hauptfigur. Sie sind die Bürgen für eine Alternative zur Entscheidung Saids für das Selbstmordattentat. Doch die Symbolik der Erzählung spricht gegen die Existenz einer Alternative.

Saids Familiengeschichte wird schon in der zweiten Szene beiläufig erwähnt und wird von da an stets wieder zum Thema. 3 Die Ehre der Familie ist verletzt und dies lastet schwer auf Said. Sie kann nur durch den Märtyrertod zurückerlangt werden. Diese Perspektive steht für Said im Raum und wird schließlich ausschlaggebend. In drei entscheidenden Sequenzen wird Said in Szene gesetzt:

32. Minute: Im Film wird „Das Abendmahl“ von da Vinci zitiert, an Stelle der Apostel sitzen jedoch die Mitglieder der Terrororganisation. An Stelle des Jesus sitzt Said. Die Sequenz folgt den Vorbereitungen des Attentats.

92. Minute: Nach Irrwegen sitzt Said in einem vollbesetzten Bus. Die Kamera gibt durch eine Halbtotale Übersicht über die Passagiere. 4 Sodann fährt sie in langsamer Fahrt auf Said zu. In der letzten Einstellung verweilt sie einige Sekunden in Großaufnahme auf Saids Augen. Der Film
schließt mit einem weißen Bild. Der Narrativ impliziert, dass Said in diesem Moment das Attentat ausführt.


Die starke religiös aufgeladene Symbolik des Filmes hat ausschließlich Said im Blick. Er nimmt den Platz des Jesus nicht nur in genannter Szene ein. Er entsagt außerdem der um ihn kämpfenden Suha und es scheint als bestehe für ihn keine Wahl, als wäre der einzig gangbare und richtige Weg der Tod für die anderen. Die „weiße Wand“ als Schließung des Films scheint für die Erlösung, die Reinheit oder – im Kontext der islamischen Vorstellung vom Märtyrertod – das Erreichen des Paradieses zu stehen.

Bemerkenswert dabei ist, dass keine Opfer und kein Blut gezeigt werden. Die Perspektive des Filmes verharrt auf dem Täter, der jedoch als ein solcher nicht erscheint. Es ist die Starrheit seines Blickes, die dem Zuschauer im Gedächtnis bleibt. Es gibt an der Darstellung Saids finaler Tat keinen Anlass für Anstoß. Es ist sozusagen eine Handlung, deren Konsequenzen ausgeblendet werden.

48. Minute: Said steht an einer Bushaltestelle, umgeben von einigen Israelis. Kurz bevor er die Bombe auslösen kann, kommt ein Bus, in den die Wartenden einsteigen. Es scheint als wolle auch Said mitfahren, doch als er ein Kind im Bus sieht, entscheidet er sich dagegen.

Dem Publikum wird hier ein reiner Märtyrer versprochen. Die Figur, die sich opfern wird, soll nicht als skrupellos charakterisiert werden. Diese moralische Rückversicherung wird vergleichbar explizit während der stets wieder kehrenden Diskussionen zwischen den Protagonisten. Der Zuschauer hat den Eindruck, als wäre der ganze Film eine Art Gespräch über die richtigen Mittel im Kampf gegen die Aggressoren. Dabei werden verschiedene Möglichkeiten diskutiert, es ist jedoch allein entscheidend, welche sich am Ende durchsetzt.

Der „establishing shot“ zeigt Suha an einem Checkpoint der israelischen Armee. Es ist die Stille beim ihrem Zusammentreffen mit den Soldaten, welche die Sequenz dominiert. Die Geräuschkulisse füllt sich erst, als Bilder von Palästinensern zu sehen sind. Sofort entflieht die Bedrohlichkeit der vorangegangenen Bilder. Diese Szene ist symptomatisch und gleichzeitig auch programmatisch für die Darstellung der Israelis im Rest des Films.

In der Regel wird nur über sie geredet resp. werden sie als eine „schweigende Wand“ dargestellt. 5 Die einzige Ausnahme bildet der Erfüllungsgehilfe der Terroristen, der sich für Geld an sie verkauft. Jedoch sagt auch er nur das für die Handlung Notwendigste. In diesem Sinne zeigt sich die Darstellung der Konfliktparteien als eine mit klaren Grenzen. Es gibt hier keinen Bruch, keine Infragestellung der Protagonisten durch eine andere Instanz.

Die Brüche des Narrativs, die beispielsweise in sehr ironischen Passagen ihren Ausdruck finden, nehmen ihm nichts an seiner Stringenz. Sie sind vielmehr notwendig, um dem Publikum die Annäherung an die Entwicklung der Hauptfigur zu ermöglichen. Denn diese sollte für ein europäisches Publikum nicht als zu starr und fundamentalistisch erscheinen. Die Entscheidung für das Attentat entspringt eben einer Kombination aus besonderer Familiengeschichte und – so erscheint es – einem ganz normalen Schicksal eines palästinensischen Jugendlichen. Ein weiterer Aspekt der Darstellung eines der Hauptcharaktere enthält eine politische Implikation: Wie schon erwähnt ist Suha, die einzige, die sich gegen das Attentat ausspricht. Sie, die sich durch ihr westliches Auftreten und Verhalten für ein arabisches Publikum diskreditiert, von diesem nicht ernst genommen wird.

Die Botschaft die uns der Regisseur damit mitteilen will ist klar, "Wir im Westen können nicht verstehen, was in der West Bank vorgeht". Essenz: Weil wir es nicht verstehen, sollten wir uns dort nicht einmischen und die Attentäter mal machen lassen. Für eine kritische Betrachtung des Filmes –die sie vorgeben – gibt es keinen Beleg und zudem bin ich mir nach einer eingehenden Beschäftigung mit dem Film auch sicher, dass diese nicht möglich ist, außer man nimmt eine klare menschenfreundliche Position ein. Denn alle weitere Beschäftigung läuft darauf hinaus, dass man dem Film und der darin enthaltenen moralischen Absicherung des Mordes auf den Leim geht. Wie eine Diskussion nach dem Film bei Ihnen ausgesehen hat, kann ich mir leidlich vorstellen: Wie man am Schnellsten möglichst viele Juden umbringen kann? Wo der beste Ort für ein Selbstmordattentat in Deutschland wäre? Das schreibe ich in ganz bewusster Polemik: Ich sehe auf Grund des geschlossenen Narrativs und der geschlossenen Form einfach keine Möglichkeit an diesen Film irgendwie ranzukommen.

Und aus diesem Grund halte ich ihn für einen verheerenden politischen Film und zudem für sehr gefährlich. Ich bin der Meinung, dass dieser Film nichts in dem Filmprogramm eines interkulturellen Zentrums verloren hat. Denn dieser Film predigt keine Toleranz gegenüber allen Menschen und sucht auch nicht nach einem Frieden im Nahen Osten. Dieser Film toleriert einzig das Selbstmordattentat und sucht den Frieden im Tod von Israelis. Wenn meine Vermutungen absolut daneben liegen sollten, überzeugen Sie mich bitte davon, indem Sie mir von Ihrer „kritischen“ Sichtung des Films inhaltliche Argumente liefern.

Die Bundeszentrale hat im Übrigen aus politischen Gründen kein neues Begleitheft für den Film heraus gebracht und auf der Empfehlungsliste steht dieser Film ebenfalls nicht mehr. Glücklicherweise konnten die Personen dort aus Ihren Fehlern lernen…

"Nach wie vor sind wir der Meinung, dass die Auseinandersetzung mit den Hintergründen von Selbstmordattentaten notwendig und wichtig ist." Wer an einer Auseinandersetzung über Selbstmordattentate interessiert ist, der sollte lieber zu Dokumentarfilmen greifen, wie z.B. Esther Shapiras und Georg Haffners "Der Tag an dem ich ins Paradies wollte" (ARD 2005), der die wahre Geschichte eines heute in Haft befindlichen palästinensischen Selbstmordattentäters erzählt - ausnahmsweise ohne Antisemitismus.

Ich verbleibe mit unerfreuten Grüßen,
stellv. Vorsitzender des Roten Stern Nordost Berlins


Roter Stern Nordost Berlin e.V.
PF: 65 2127 | 13316 Berlin
roter-stern-berlin.de

PS: Der Roter Stern Nordost Berlin ist – im Gegensatz zu Ihnen – Erstunterzeichner der Initiative und seit Anbeginn darin beteiligt – sicherlich mal mehr mal weniger, da wir alle alles ehrenamtlich
machen.

PPS: Wenn Sie jedoch tatsächlich denken, dass Initiativen, die länger aktiv sind als andere, mehr zu sagen haben als andere, dann sollten Sie Ihr Demokratieverständnis schnellstens erneuern!

„Unter Demokratie verstehe ich, daß sie dem Schwächsten die gleichen Chancen einräumt wie dem Stärksten.” Mahatma Gandhi

1 z.B. Zitate führender Hamas-Vertreter
(http://www.achgut.com/dadgd/view_article.php?aid=1778)
oder die Hamas-Charta
(http://www.hagalil.com/archiv/2003/08/hamas.htm)

2 Auch wenn der Film die Protagonisten nicht als politisch wohl berechnete Akteure charakterisiert, stehen sie sehr wohl für eine Art politischen Handelns.

3 Sein Vater galt in Nablus als Kollaborateur und wurde dafür ermordet.

4 Im Bus befinden sich fast ausschließlich Soldaten. Das Attentat beschränkt sich so auf „militärische Ziele.“ Solcherart Opfer gelten eben als die eines Krieges. Das hat mit den überwiegend zivilen Opfern der zweiten Intifada wenig zu tun.

5 In keiner Sequenz zeigt der Film ein direktes Verbrechen der Besatzungsmacht Israel. Das Wissen um diese Verbrechen setzt der Narrativ voraus, sonst würden sie explizit gemacht. Die „feindlichen“ Soldaten werden stets nur in großer Distanz gezeigt. Die Rolle der Opfer der Besatzung haben die Protagonisten schon als eine Art Vorschusskredit.








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