Lange hatte sie kein festes Zuhause und lebte in verschiedenen Ländern Europas, häufig auf der Straße. Letztlich kam sie nach Berlin, fand viel Unterstützung und konnte endlich “ankommen”. Monika aus Ungarn erzählte uns etwas über ihre eigenen Migrationserfahrungen und ihr Leben in Deutschland.

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Kannst du mir als Einstieg ein bisschen über dich erzählen?

Ich bin vor elf Jahren aus Ungarn nach Deutschland gekommen. Ich wollte nicht hier bleiben, aber ich bin schwanger geworden und wir sind hier geblieben. Mit der Migration habe ich richtig gute Erfahrungen gemacht. Es ging ohne Probleme. Wir haben richtig viel Hilfe bekommen. Ich war jahrelang, fast 15 Jahre, illegal. Nicht nur hier – überall. […] Ich war mal in diesem Land, mal in jenem Land. In besetzten Häusern, auf der Straße […]. Und es war schwer für mich mit dem Integrieren lassen, dem zur Gesellschaft gehören.

Das war bevor du nach Deutschland gekommen bist. Dann bist du vor ungefähr elf Jahren in Berlin angekommen und seitdem hier?

Ja. Und diesmal kann ich zur normalen Gesellschaft gehören. […] Ich möchte das eigentlich immer noch nicht. Ich mache all das für meine Tochter. Also, das mit dem Integrieren lassen, das ist richtig gut gegangen. Es war kein Problem. Wir haben hier richtig viel Hilfe bekommen. Und z.B. mit der OASE finde ich schön, dass wenn jemand ein bisschen – wie man sagt – “asozial” ist, dass da trotzdem Hilfe kommt. Z.B. wussten viele Leute, dass ich von der Straße komme. Ich habe hier auf der Schönhauser Allee geschnorrt und viele Leute kennen mich immer noch […]. Und da kam z.B. eine Frau mit einem Flyer und meinte “Hallo, hier in der OASE kann jemand Ungarisch sprechen”. Ich war im achten Monat schwanger und wir haben in der OASE Hilfe bekommen.

Also hast du einen Flyer bekommen und bist dadurch auf die OASE Berlin aufmerksam geworden. Wieso hast du dich dann entschieden, dir dort Hilfe zu holen?

Wegen unserer Tochter. Das war am Anfang sehr schwer gewesen, aber danach hat alles gut geklappt. […] Lili ist jetzt acht. Das ist ungefähr neun Jahre her.

Woher kam damals dein Entschluss, Ungarn zu verlassen?

Ich war ein Straßenkind und für mich war es egal, wo ich lebe. Natürlich bin ich danach gegangen, was ich gehört habe, was besser ist und danach, was interessant war. Berlin galt immer als “punk” oder alternativ: “Berlin ist die Hauptstadt, die du sehen musst. Du musst einmal dort sein und ein Gefühl kriegen für alles, was Berlin bedeutet”. Und darum bin ich dann hierher gekommen.

Und wie bist du hierher gekommen? Kannst du mir etwas über deine Reise von Ungarn nach Berlin erzählen?

[…] Mit meinem Mann zusammen haben wir einen Job gesucht, um uns ein Ticket zu kaufen. Und wir haben das Geld auf die Hand bekommen, wir haben uns ein Ticket gekauft und sind nach Berlin gekommen. Das war einfach diese Idee: “Ok, jetzt ist Schluss mit diesem Land” […]. In meinem Land habe ich um Hilfe gebeten und ich habe sie nie bekommen. Naja, ich habe eine “schöne” Story – ich war schon mit 14 allein, auf der Straße. […] Und danach mit 18 war ich verliebt und alles war schön […] Ich dachte als junges Mädchen: “Ich möchte Liebe” oder irgendwas anderes, irgendwo dazugehören. Ja, aber natürlich hat das nicht gut geklappt. Und ja, ich bin auf der Straße geblieben. Jetzt, Gott sei Dank, ist alles schön und gut.

Wie ging es dann weiter, nachdem ihr in Berlin angekommen seid?

Dann sind wir zum Alexanderplatz gegangen und wir wussten, dass dort richtig viele Punker sind. Du findest immer jemanden, den du kennst, egal wo. Vielleicht hast du sie in Spanien oder in Ungarn getroffen – du findest immer jemanden. Und wir haben jemanden gefunden am gleichen Tag […].

Seid ihr auch auf Probleme gestoßen?

Nein, absolut nicht. Wir hatten keine Probleme. Nur mit der Ausländerbehörde natürlich. Ungarn hatte das Schengener Abkommen nicht unterschrieben und es hat richtig viele Probleme gegeben. Die Frau hat elf Monate lang gesagt: “wieder nach Ungarn, wieder nach Ungarn”. Aber Gott sei Dank haben wir vom Jugendamt einen Sozialarbeiter bekommen und er hat sich dagegen eingesetzt. Weil alle wussten, wenn wir wieder nach Ungarn gehen, dann gehen wir wieder auf die Straße mit einem kleinen Kind.

Also hat das Jugendamt euch unterstützt.

Ja, das Jugendamt hat uns unterstützt. Einmal ist Lili zu Pflegeeltern gekommen, weil wir in Karow in einer Wagenburg gewohnt haben. Und natürlich gehören dort keine Babys hin. […] Man braucht mindestens ein Zimmer. Und in Karow hatten wir keinen Strom – wir hatten nur diese Generatoren […]. Und wir mussten wählen: Wir gehen mit einem Baby nach Ungarn auf die Straße oder sie geht ein paar Monate zu Pflegeeltern […]. Das Jugendamt hat uns richtig unterstützt. Gabi [Geschäftsleitung OASE] war unsere Dolmetscherin. Richtig viele Leute haben geholfen. Das war für mich ein richtig schönes Gefühl. Ich habe von meinem eigenen Land keine Hilfe bekommen. […] Und hier hatte ich die absolute Hilfe und Unterstützung. Obwohl die Leute wussten, dass ich Drogen genommen und auf der Straße gelebt hatte. […] Ich kann nur Gutes sagen. Ja ok, die andere Seite ist – ich hasse alle Ämter. Und trotzdem, ich meine, es hat immer noch ein bisschen eine soziale Seite. Das ist schön. Wenn hier jemand zu dieser Gesellschaft gehören möchte, dann kann man das hier […]. Wenn jemand Hilfe möchte, dann findet er sie.

Das meiste, was du über deine Erfahrungen in Deutschland erzählst, klingt sehr positiv. Hast du auch negative Erfahrungen gemacht?

Ja, natürlich. […] Die Struktur und so weiter. Wenn du zur Gesellschaft gehören möchtest, dann musst du richtig viele Dinge machen, die du nicht machen möchtest. Und das ist meine negative Erfahrung. Ich muss viele Dinge machen, die ich 20 Jahre lang nie gemacht habe. Das ist für mich manchmal richtig schwer. Z.B. eine Überweisung – früher habe ich diesen Gedanken nie gekannt und jetzt muss ich richtig viele Dinge machen, die immer noch schwer sind für mich. […] Früher war es einfach “carpe diem”. Jetzt muss man an morgen, an die nächsten Tage denken […]. Naja, natürlich machen wir das gerne. Aber es ist trotzdem schwer. Ich habe von der OASE viel Hilfe bekommen. Alle wussten, wer ich bin und trotzdem habe ich nur gute Erfahrungen gemacht. Nur Liebe und alles.

Wie lief das genau ab?

Wir sind einfach zur OASE gekommen, haben Gabi gefunden und gesagt: “Wir brauchen Hilfe”. Ja, und wir haben die Hilfe bekommen. […] Wir konnten kein Deutsch und Gabi ist immer mit uns gekommen, um zu übersetzen. Dann, schön langsam, hat das alles geklappt. […] Das Jugendamt hat uns dann später einen Sozialarbeiter bezahlt wegen dem Kind. […] Danach haben wir in der OASE einen Deutschkurs gemacht. Mein Mann hat auch bei der OASE gearbeitet, ich auch seit fünf, sechs Jahren. […] Alle wissen alles über uns. Und das ist schön. Gabi hat öfter gesagt: “Und er hat auch gefragt: ‘Und sie ist das? Ich habe das Mädchen vor zehn Jahren auf der Straße gesehen'”. […] Sie kennen mich immer noch. […] Und das ist ein total schönes Gefühl. Auch wenn uns jetzt die Leute mit Lili sehen, dann sagen sie: “Oh Gott, das ist gut”. Sie freuen sich: “Ihr habt es geschafft”. […] Und z.B. haben wir auch Drogen, Heroin, genommen. […] Und ich bin schnell runtergekommen, um hier zu arbeiten. Ich hab richtig viel Hilfe von der OASE bekommen. […] Ich war im fünften Jahr, total sauber, ohne Substitution. Ich war auch von dem Methadon runtergekommen. Weil jetzt habe ich das, was ich gesucht habe – eine Familie. Das ist für mich jetzt am wichtigsten. Natürlich ist es schwer, weil manchmal haben wir Probleme. Aber ich denke, alle haben Probleme. […] Aber das ist ein schönes Gefühl, das wir noch nie gehabt hatten. Und jetzt ist es schön. Ich bin seit zwölf Jahren zusammen mit meinem Mann. Wir haben es beide geschafft, ohne Drogen. […] Lili hat ADHS – hyperaktiv. Darum haben wir sie bekommen, damit wir arbeiten und kämpfen müssen. […] Sie hat sich richtig schön entwickelt und das ist gut für uns. Sie macht uns fit.

Würdest du nach so vielen Jahren und nach diesem langen Weg hier in Deutschland sagen, dass du dich hier gesellschaftlich integriert fühlst?

Absolut, ja. […] Es bedeutet natürlich richtig viele Dinge. […] Wenn man sich integrieren lässt, dann klappt das. Wenn man das nicht möchte, dann klappt es natürlich nicht. Aber ich denke, man kann hier Hilfe finden.

Meinst du, es gibt Dinge, die verbessert werden könnten oder sollten, damit es leichter ist, hier in der deutschen Gesellschaft anzukommen?

[…] Das weiß ich nicht, weil ich auf der Straße gelebt habe und ich sehe auch öfter die andere Seite von den Menschen. […] Z.B. denke ich, dass die Leute anders sind, wenn sie nur über Zeitung, über die Medien mit etwas zu tun haben. […] Oder ich sehe oft, wie es jetzt auf der Straße ist, z.B. wer wegen richtiger Hilfe kommt oder hier ist. Oder z.B. kommen viele Leute aus anderen Ländern, die sich nicht integrieren lassen, obwohl es Arbeitsplätze gäbe und wenn sie wollen würden, dann könnte es klappen. Aber viele möchten nicht. Das ist das Problem, denke ich. […] Ich denke, viele Leute möchten den leichten Weg finden. Und egal was man möchte, ich denke – ich habe richtig viele Länder gesehen – hier ist es perfekt. […] Ich habe nur gute Erfahrungen gemacht. Ich kann nichts schlechtes sagen.

Hast du zum Abschluss einen Tipp oder irgendeine Message für andere, die neu nach Berlin kommen oder in einer ähnlichen Situation sind, wie du es warst?

[…] Jemand, der hier wohnen möchte, der findet Hilfe. Er muss nur suchen. Aber das kriegt man überall, fast an jeder Ecke kann man hier Hilfe finden. Ich habe richtig gute Erfahrungen mit den Mitmenschen gemacht. Auf der Straße, es wurde Geld gegeben. Obwohl sie uns nicht kannten, haben uns jeden Tag Leute gefragt: “Habt ihr einen Platz, wo ihr schlafen könnt?” Bis ich im achten Monat schwanger war, habe ich geschnorrt. Und wir haben Kinderwagen, Kleidung für das Kind, Geschenkkarten bekommen, […] z.B. um für zehn oder fünf Euro etwas für das Kind zu kaufen. Ich habe nur gute Erfahrungen gemacht. Bei den schlechten Erfahrungen, die ich gemacht habe, habe ich auch von in Deutschland geborenen Leuten gehört, die die gleichen Probleme mit Ämtern oder so haben. Ja natürlich gibt es die manchmal. Aber ich denke, es ist egal, ob du Ausländer bist oder nicht.

Das Interview führte Friederike Haarbrücker.