Juan arbeitet als Integrationslotsin bei der OASE Berlin und unterstützt Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete nach ihrer Ankunft in Deutschland. Dabei schöpft sie auch aus ihren persönlichen Erfahrungen, denn sie ist selbst vor 17 Jahren aus dem Irak geflohen. In einem Interview sprach sie mit uns über ihre Erfahrungen.

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Kannst du mir als Einstieg ein bisschen über dich erzählen?

Ich bin Juan Sura und komme aus dem Irak. Ich bin verheiratet und habe ein Kind. Und ich bin seit 17 Jahren in Deutschland, in Berlin.

Wieso hast du damals die Entscheidung getroffen, nach Deutschland zu kommen?

Ich war schon mit meinem Mann verheiratet und die Situation im Irak war nicht schön. Da war der Golfkrieg und es sind viele Iraker nach Europa geflohen – mein Mann war einer derjenigen. Er war drei Jahre vor mir hier in Deutschland. Dann konnte er eine Familienzusammenführung beantragen und ich kam nach Deutschland.

Wie lange hat die Reise deines Mannes nach Deutschland gedauert?

Sehr lange. Was wir an Eigentum hatten, das haben wir verkauft, damit er nach Europa kommen konnte. […] Es hat lange gedauert, weil er erstmal in der Türkei war, dann in den anderen Ländern. Er hatte auch viele Probleme mit Geld und den Schleppern. Die Schlepper sagen z.B.: “Ja, heute wird es vorbereitet”, dann nehmen sie das Geld und machen gar nichts […] und es dauert. Sie sagen, etwas passiert in dieser Woche und dann vergehen zwei Wochen, drei Wochen und das alles kostet Geld.

Dein Mann war also zunächst länger in der Türkei?

Nicht in der Türkei, sondern in Kiew. Sie wurden immer von der Polizei festgenommen. Gott sei Dank wurde er nicht zurückgeschickt. Wir haben aber gehört, dass einige immer wieder zurück in unser Land geschickt wurden, aber sie haben es immer weiter versucht.

Wie lief das dann mit der Familienzusammenführung ab, nachdem dein Mann in Deutschland angekommen war?

Als er in Deutschland war, hat er natürlich Asyl beantragt. Dann hat er eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen und sie haben ihn gefragt, ob er Familie hat. Wenn jemand schon verheiratet ist, dann muss auch versucht werden, Asyl für seine Familie zu bekommen.

War es dann kompliziert für dich, nachzukommen? Wie lief das genau ab?

Nein, das ging eigentlich sehr gut. Wenn diese Familienzusammenführung genehmigt wird, dann beantragst du ein Visum. Ich musste in die Türkei, auch mit einem Visum, und dann ging es mit dem Flugzeug weiter. […] Du kannst nicht einfach direkt nach Europa fliegen. Du musst durch die Türkei und sie wollen wissen, warum du nach Europa willst.

Du hast erwähnt, dass dein Mann bei der Flucht nach Deutschland auf viele Probleme gestoßen ist. Habt ihr auch positive Erfahrungen gemacht und Unterstützung erfahren?

Ja, von den Beamten sind einige wirklich sehr hilfreich. Da gab es Unterstützung. […] Es gibt Menschen, die nicht helfen und Menschen, die sehr nett sind und andere unterstützen. Da gab es z.B. eine Familie, die das gleiche Problem hatte wie mein Mann – also die Frau musste auch nach Deutschland nachziehen. Bei diesem Mann klappte es nicht. […] Da waren so viele mit den gleichen Problemen und es war nicht einfach, bei den Beamten die Formulare zu bekommen. Manche haben Beschwerde eingelegt.

Wann bist du letztlich in Deutschland angekommen? Was hast du seitdem für Erfahrungen hier gemacht?

Das war im März 1998. Erfahrung … ich denke, das kommt mit der Zeit. Es war für mich die Hauptsache, erst einmal die Sprache zu lernen. Ich habe mich in einem Deutschkurs angemeldet. […] Dann habe ich ein Kind bekommen und danach konnte ich nicht mehr hingehen. Für mich ist es aber auch nicht gut, nur zu Hause zu sein, denn ich habe in meiner Heimat gearbeitet und wollte das hier auch. Ich hatte das gleiche Ziel. […] Ich habe im Irak Statistik studiert und war an derselben Universität als Sekretärin und als Unterstützung für meine Dozenten tätig. […] Hier wollte ich genau das gleiche wie dort. Ich dachte, mein Zeugnis würde anerkannt werden und es würde einfach und schnell gehen, aber es war nicht so. Es ist anerkannt worden, aber wegen der Sprache hat es so lange gedauert. Ich denke, das liegt an jedem Menschen selbst. Vielleicht habe ich nicht so viel Kontakt zu Deutschen und der Sprache gehabt.

Also war es zu Beginn schwierig wegen der Sprachbarrieren. War es denn sonst so, wie du es dir in Deutschland vorgestellt hattest?

Eigentlich hatte ich immer Angst vor den Menschen. […] Ich habe Deutschland wegen der Geschichte mit Hitler verbunden. Aber das war nur kurze Zeit so.

Also hattest du Angst vor Rassismus. Wurden deine Ängste bestätigt?

Nein, das war nur Angst von mir selbst. […] Die Menschen sind sehr nett und lieb. Man lernt wirklich von den Deutschen, z.B. diese Geduld.

Gab es außer den Sprachbarrieren am Anfang noch andere Probleme, auf die du hier gestoßen bist?

Normalerweise bekommen wir ab und zu Probleme mit den Beamten, besonders mit der Ausländerbehörde. Wir wollten natürlich eine Aufenthaltserlaubnis bekommen und sie haben gesagt, es geht nicht und wir müssen so und so viele Punkte erfüllen. […] Mit dem Asylstatus bekommst du diesen Aufenthalt für drei Jahre. Dann wollten wir eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis bekommen. […] Als mein Mann dann gearbeitet hat, konnten wir die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen und haben sie bekommen.

Was für positive Erfahrungen habt ihr in Deutschland gemacht?

Allgemein finde ich das deutsche System sehr gut, z.B. die Sozialhilfe, wenn jemand kommt und gar nichts hat. Ich finde das toll, es ist wirklich eine sehr gute Hilfe. Das Gesundheits- und das Bildungssystem sind andere positive Beispiele. […] Obwohl der Irak ein reiches Land ist, ist es nicht so wie im deutschen System – sie denken nicht an die armen Leute. […] Dass es all diese netten, hilfsbereiten Leuten gibt, finde ich auch sehr schön.

Wie bist du eigentlich mit der OASE Berlin in Kontakt gekommen?

Ich habe hier zufällig diesen Deutsch- und PC-Kurs mit Schwerpunkt Büro-Assistenz gemacht. Das war sehr gut. […] Eigentlich wollte ich hier arbeiten, aber es ist nicht einfach. Dann habe ich mir überlegt, dass ich ja schon diese Fortbildung zur Buchhalterin gemacht hatte und habe mich bei der OASE als Praktikantin beworben.

Würdest du mittlerweile sagen, du bist wirklich angekommen und fühlst dich zu Hause und in die deutsche Gesellschaft integriert?

Jetzt ja, aber vorher nicht. Die Integration ist nicht einfach. Wenn jemand nur einen Deutschkurs macht und zu Hause sitzt, nennt man das nicht wirklich Integration. Aber wenn jemand versucht, sich von seiner Stelle zu bewegen und in Kontakt mit den Menschen oder mit der Arbeit zu kommen, dann hat er sich wirklich integriert.

Wie lange hat dieser Prozess bei dir gedauert?

Vielleicht ein paar Jahre.

Was könnte vonseiten der Gesellschaft verbessert werden, um eine Integration zu erleichtern?

Für syrische oder auch andere Familien ist es jetzt in Deutschland so, dass sie erstmal versuchen, einen Deutschkurs zu machen. Es wäre besser, wenn es auch noch etwas daneben gäbe – einen Job oder ein Praktikum – etwas, das ihnen hilft. […] Du kennst die Deutschen nicht und du hast immer Angst, was sie von dir denken. Für mich war es so. Ich wollte mich immer von der Stelle wegbewegen, also von diesem Zu-Hause-Sitzen, aber hatte Angst, dass meine Sprache nicht gut genug ist. Für mich war später klar: Es ist egal, ob ich gut oder schlecht rede – Hauptsache, du kommst raus und deine Sprache wird langsam besser. Wenn du keinen Kontakt hast, dann redest du nicht und die Sprache wird natürlich vom Unterhalten besser.

Hast du zum Abschluss einen Tipp oder irgendeine Message für andere, die neu nach Berlin kommen oder in einer ähnlichen Situation sind, wie ihr es wart?

Nutzt die Zeit, um euch zu integrieren. […] Auch wenn man nur für kurze Zeit in Deutschland bleibt, muss man sich integrieren. Es schadet ja nicht. So oder so hast du etwas in der Hand. Auch wenn du wieder gehst, hast du wirklich davon profitiert. […] Es gibt noch ein Problem. Es ist wirklich nicht einfach. Mit dem Körper bist du hier, aber deine Gedanken sind immer in der Heimat. Dort hast du Familie, Verwandte und fragst dich immer, was sie machen und wie du der Familie helfen kannst. Da gibt es viele Probleme. Deswegen konzentrieren sich viele vielleicht nicht auf ihr Leben hier.

Wie bist du für dich mit diesem Zwiespalt umgegangen?

Das Problem wird nicht immer gleich ausgelöst und ist auch nicht immer schnell abgeschlossen. Es kommt immer ab und zu wieder und dann musst du dich entscheiden. […] Ich meine, dann bist du hier und lebst dein Leben ganz normal. Und dort leben sie ihr Leben auch ganz normal, obwohl es Krieg gibt oder auch nicht.

Das Interview führte Friederike Haarbrücker.